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BRKE I Nr. 0140/2006 vom 23. Juni 2006 in BEZ 2006 Nr. 51 8.3. Der Wissensstand über die immissionsmässigen Auswirkungen ist bei GSM- und UMTS-Anlagen unterschiedlich. Zahlreiche Forschungsarbeiten, die im Zusammenhang mit GSM-Anlagen nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Kriterien realisiert wurden, belegen, dass physisch objektiv nachteilige Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder im Niedrigdosisbereich (also unterhalb der schweizerischen Anlagegrenzwerte) auf den menschlichen Körper weder gesi- chert noch wahrscheinlich sind. Die mittlerweile äusserst zahlreichen Urteile schwei- zerischer Rechtsmittelinstanzen zu dieser Thematik basieren einhellig auf diesen repräsentativen wissenschaftlichen Erkenntnissen, weshalb auf die gesundheitlichen Aspekte im Zusammenhang mit von GSM-Basisstationen emittierten elektromagneti- schen Feldern und damit auch auf die vom Gemeinderat X erwähnten Studien nicht weiter einzugehen ist (vgl. dazu: BUWAL/BAFU, Umwelt-Materialien Nr. 162, Hochfrequente Strahlung und Gesundheit, 2003, Zusammenfassung S. 9 - 13; BGE 1A.208/2004, E. 2; BRKE I Nrn. 0046 und 0047/2006, E. 11). Welchen Einfluss elektromagnetische Strahlung von UMTS-Basisstationen auf das menschliche Wohlbefinden und die Gesundheit tatsächlich ausübt, wurde bis anhin noch wenig erforscht. Weil die UMTS-Netze noch nicht sehr lange in Betrieb stehen, konnten insbesondere keine repräsentativen Praxiserfahrungen ausgewertet werden. Die Wissenschaft geht aufgrund der physikalischen Parameter aber grund- sätzlich davon aus, dass die von UMTS-Antennen emittierten elektromagnetischen Felder ähnlich auf den menschlichen Körper einwirken wie jene von GSM-Anlagen. Deshalb wurden in der NISV für beide Mobilfunk-Technologien dieselben (frequenz- abhängigen) Grenzwerte festgelegt. Diese wissenschaftlichen Lücken versuchte die imSeptember 2003 publizierte Studie des niederländischen TNO-Forschungsinstituts zu schliessen. Diese kam zum Ergebnis, UMTS-Strahlung im Niedrigdosisbereich um 1,0 V/m führe zu einer schwach ausgeprägten, jedoch statistisch nachweisbaren Re- duktion des Wohlbefindens. Die gefundenen Einflüsse waren allerdings vergleichs- weise klein und ihre objektiven Auswirkungen auf die Gesundheit unklar. Bezüglich der kognitiven Fähigkeiten (Erinnerungsvermögen, Reaktion, visuelle Aufmerksam- keit etc.) der Testpersonen resultierten kein einheitliches und daher ein wissenschaft- lich kaum verwertbares Bild (Studie, S. 61). Die Verfasser der TNO-Studie vertraten die Meinung, ihre Ergebnisse müssten mit weiteren, objektiv wissenschaftlichen Un- tersuchungen validiert werden. In der Folge beauftragte die schweizerische For- schungsstiftung Mobilfunkkommunikation ein Konsortium, bestehend aus Wissen- schaftlern der Universitäten Zürich und Bern sowie der ETH Zürich, mit der Ausarbei- tung und Ausführung einer Replikationsstudie. An dieser waren weit mehr Probanden (elektrosensible und nicht-elektrosensible) als in Holland beteiligt; zudem wurden die Methodik und die Genauigkeit verbessert. Anlässlich der Veröffentlichung der Ergeb- nisse der Replikationsstudie am 6. Juni 2006 hielt das Forschungskonsortium fest, im
- 2 - Gegensatz zur TNO-Studie habe kein negativer Einfluss von UMTS-Strahlung auf das menschliche Wohlbefinden und die kognitiven Fähigkeiten nachgewiesen wer- den können. Die Versuchspersonen seien nicht in der Lage gewesen, die UMTS- Strahlung von 1 V/m und 10 V/m wahrzunehmen bzw. von einer fehlenden Strahlen- exposition zu unterscheiden (www.umwelt-schweiz.ch/buwal/de/fachgebiete/fg_nis/news/2006-06-06- 01106/index.html mit weiterführenden Links). Die in der Fachzeitschrift Environment Health Perspectives Online im Volltext publizierte Studie hielt zudem fest, dass die thermische Belastung (SAR) des Gehirns bei von UMTS-Basisstationen emittierten Strahlen und einer elektrischen Feldstärke von 10 V/m etwa 100mal geringer sei als bei einem ans Ohr gehaltenen und in Betrieb stehenden Mobiltelefon (http://www.ehponline.org/docs/2006/8934/abstract.html). Sowohl bei der niederlän- dischen als auch bei der schweizerischen Studie wurden allerdings lediglich die kurz- fristigen Effekte untersucht. Bezüglich allfälliger Langzeitauswirkungen von UMTS- Strahlung – insbesondere solcher, welche von Mobilfunktelefonen emittiert werden – besteht somit weiterer Forschungsbedarf. Entsprechende Projekte werden Ende 2006 in der Schweiz in Angriff genommen. Aufgrund der Ergebnisse der Replikati- onsstudie und der bereits strengen Grenzwertvorschriften besteht indes in der Schweiz im gegenwärtigen Zeitpunkt auch nicht ansatzweise eine Notwendigkeit von zusätzlichen Massnahmen des Immissionsschutzes.